Nichts gegen die Äpfel, die gängiger Überlieferung zufolge nicht weit vom Baum der Erkenntnis fallen. Aber die wahren Paradiesfrüchte sind doch die Feigen. Wer das nicht glaubt, muß nur die Bibel aufschlagen: Nach Moses pflückten Adam und Eva Feigenblätter und «flochten sich daraus Schürzen, um ihre Blößen zu verdecken”. Vom Apfel ist nirgendwo die Rede, und ob der Baum der Erkenntnis ein Apfelbaum war, steht dahin. Doch wir Feigenfreunde wollen nicht kleinlich sein, schließlich steht fest, dass im Paradies Feigen wuchsen. Und das ist uns Erkenntnis genug. Denn damit ist man, zumindest nach Lesart von Paul Münch und anderen Pfalz-Fanatikern, schon im heimatlichen Palatien angelangt. Denn genau hier, im sonnigen Südwesten der Republik, haben die Pfalzophilen dieser und früherer Tage schon seit langem das Paradies lokalisiert. 

Pfälzer Feigen
Pfälzer Feigen

Was haben sie dabei nicht für geistige Klimmzüge vollführt, und dabei das beste, weil augenfälligste Argument glatt außer acht gelassen: In der Pfalz wachsen so viele Feigenbäume wie sonst nirgendwo in Deutschland. Wenn also das Paradies in Deutschland lag (und wer zweifelt daran), dann kann es nur in der Pfalz gewesen sein (woran noch weniger zu zweifeln ist, oder?).

Seit Römerzeiten in der Pfalz zuhause

Die Pfalz, soviel steht fest, ist ein Feigenparadies, und das nicht erst seit gestern. Beispielsweise wurden in Latrinen aus der Römerzeit Feigenkerne gefunden, und nur Skeptiker sehen darin die Überbleibsel getrockneter, importierter Früchte. Die meisten Pfälzer aber sind wie Weinexperte Fritz Schumann überzeugt, «dass meine Vorfahren neben den Weinstöcken Feigenbäume stehen hatten”. Wie das ausgesehen haben könnte, lässt sich noch heute an vielen Orten entlang der Deutschen Weinstraße begutachten, am besten vielleicht am römischen Weingut auf dem Weilberg bei Bad Dürkheim-Ungstein. Überhaupt bilden Wein und Feigen eine durchaus harmonische Kombination: Beide zählen seit alters her zu den edelsten Gewächsen und haben ähnliche Ansprüche an Standort und Klima. Sie lieben Sonne und Wärme, Niederschläge von 500 bis 600 Millimeter pro Jahr reichen aus. Auch leichten Frost ertragen sie, nur Temperaturen unter minus zehn Grad machen ihnen zu schaffen.

Wo Feigen wachsen, ist es warm

Die eigentliche Heimat der Feige, die zu der Familie der Maulbeergewächse zählt, sind Vorderasien und die Länder am östlichen Mittelmeer. Nach ägyptischen Dokumenten wurde die Pflanze schon 2000 bis 3000 vor Christus in Kanaan angebaut. Die Griechen brachten sie von dort nach Italien. Heute sind Feigen in fast allen tropischen und subtropischen Gebieten der Erde anzutreffen. Belegt ist das Vorkommen der Feige in Deutschland in einer Schrift von Karl dem Großen von etwa 800 n. Christus. Wolfram von Eschenbach berichtet im «Parzival”, in den Burggärten werde unter anderem der  «vigenboum” kultiviert. Nördlich der Alpen wachsen Feigen- außer in der Pfalz - auch im Rheingau oder am Bodensee, selbst im Südwesten Englands gedeihen Exemplare dank des wärmenden Golfstromes an geschützten Stellen.

So ungewöhnlich wie der Wuchs der Feigen ist auch die Befruchtung. Die winzige, einen Millimeter messende Gallwespe legt ihre Eier in die männlichen Gallblüten der Wildfeige, die in kelchförmigen Kapseln wachsen. Beim Verlassen nimmt die Wespe Blütenstaub der männlichen Blüte mit und befruchtet die weiblichen Blüten. So entstehen «echte” Feigen, aus den Gallblüten dagegen werden nur wertlose Ziegen- oder Holzfeigen. Der Kunst der Züchter ist es zu verdanken, dass es heute Pflanzen gibt, die, wie die Pfälzer Feigen, auch ohne dies

Schon Hildegard von Bingen schrieb über Feigen

Wer sich so kompliziert fortpflanzt, muß sich über einen schlechten Leumund nicht wundern. Hildegard von Bingen beispielsweise zählte die Feigen zu den «bedingt guten Nahrungsmitteln”, woraus sich zweierlei schließen läßt: Erstens, daß das Gewächs auch in Klostergärten verbreitet war. Zweitens wußte man wohl schon damals, daß «frische Feigen dem Magen nicht zum besten bekommen” und «den Bauch erweichen”, also abführende Wirkung haben. Hyronimus Bosch beispielsweise empfahl bei Hartleibigkeit drei bis fünf Feigen und ließ die Folgen einer solchen Kur recht drastisch in einer Illustration darstellen.

Die heilkundige Hildegard verwertete auch andere Teile der Pflanze. Mit gekochten Feigenblättern könne man, in Verbindung mit Schwarzem Maulbeer- und Reblaub die Haare schwarz färben, hieß es. Die Blätter und Wurzeln verordnete sie gegen Kopfweh, Augenweh und Brustleiden, während sie dem Holz nicht allzuviel zutraute: Ein Stock aus Feigenholz schwäche die Körperkraft des Trägers, behauptete sie. Da trauten die Römer den Früchten doch weitaus mehr zu: Zum Janiusfest übergab man Feigen als Geschenk, damit «im kommenden Jahr kein trauriges Ereignis erlebt werden möge”.

Etwa 50.000 Feigenbäume in der Pfalz

Wieviele der glücksbringenden Pflanzen in der Pfalz stehen, weiß niemand genau. Schätzungen von 50.000 scheinen realistisch, denn überall zwischen Speyer und Neustadt, zwischen Bad Bergzabern und Frankenthal trifft man in Vorgärten oder Innenhöfen auf die südländische Pflanze mit den typischen, gelappten Blättern. Während die Feigenbäume am Mittelmeer bis zu zehn Meter hoch werden, nehmen sie in der Pfalz meist die Form eines drie bis sechs Meter hohen Strauchs mit einem kurzen, dicken Stamm an. Die etwa 80 Gramm schweren Früchte werden im Juli und August reif, in guten Jahren wie etwa 1999 ist sogar eine zweite Ernte im Spätherbst möglich. Hundert bis zweihundert Früchte trägt ein ausgewachsener Baum, die Pfälzer Ernte insgesamt kann daher auf mindestens 80.000 Kilo geschätzt werden.

Ein gewerbsmäßiger Anbau in Pfälzer Gefilden wäre indes etwas für besonders Mutige - und ist vermutlich deshalb bisher unterblieben. Denn erstens verderben die Früchte rasch, sie müssen sofort frisch verarbeitet werden. Zweitens reifen nicht alle Feigen an einem Baum gleichzeitig, sondern hintereinander. Das mag denjenigen freuen, der einen oder zwei Sträucher im Garten hat und sich während der Saison jeden Morgen vier oder fünf frische Früchte pflücken kann. Eine Vermarktung im großen Stil aber setzte angesichts dieser Eigenarten der Pfanze einen Anbau auf großen Flächen voraus.

Von Feigenpralinen bis zur Feigentorte

Die kulinarischen Qualitäten des Zuwanders aus dem Süden sind indes in der Pfalz schon lange bekannt. Findige Konditoren haben Feigenkonfitüre, Feigenpralinen oder sogar eine Feigentorte im Angebot. Winzer verwöhnen ihre Kunden mit einer selbstgemachten Spezialität: Feigen aus ihrem Garten, eingelegt in Wein. Obstgüter und Brennereien verarbeiten die Früchte zu Feigenlikör. Und natürlich nutzen auch die Köche das Geschenk des milden Klimas, wie dieses kleine Buch mit Rezepten von Pfälzer Spitzenköchen beweist. Selbst wer glaubt, zum Schinken passe am besten Melone, hat die Rechnung ohne die Feige gemacht: Sie wurde nämlich erst in jüngster Zeit von der Melone verdrängt und war früher der natürliche Begleiter zum Schinken. So findet sich in alten Pfälzer Büchenr beispielsweise eine Rezeptur, eine Quiche mit Schinken und Feigen herzustellen.

Weil die Pfälzer nicht übermäßig mit ihren mediterranen Hausgenossen prahlen, sind Fremde meist überrascht vom Feigenreichtum der Pfalz. Die Einheimischen dagegen haben den Zuwanderer aus dem Süden längst ins Herz geschlossen und als Ihresgleichen akzeptiert - nur der Amtsschimmel reitet noch immer in den entgegengesetzte Richtung: Bei den Botanik-Bürokraten der Landespflege beispielsweise gilt die Feige nicht als heimisches Gewächs.

Feigengasse und Paradiesgarten

Daß solch gelungene Integration einer Fremd-Pflanze leidvoll sein kann, bekommen die Feigen mindestens einmal im Jahr zu spüren. Wenn von botanischer Multikultur in Pfälzer Landen die Rede ist, dann stehlen die Mandelbäume mit ihren zartrosa Blüten den Feigen regelmäßig die Schau. Die haben in diesem Wettbewerb mit ihren innen an den Blattachseln sitzenden Blüten keine Chance. Da ist es nur konsequent, dass das feierfreudige Pfälzer Völkchen sich zwar schon ein Mandelblüten-, aber noch kein Feigenfest hat einfallen lassen. Und die berühmteste Feigenbaum-Allee der Pfalz in Deidesheim heißt noch immer Deichelgasse, nur der Volksmund hat es auf den Punkt gebracht: Die Straße, die ein früherer Bürgermeister Anfang des Jahrhunderts mit Feigenbäumen bepflanzen ließ, heißt bei den Einheimischen schlicht Feigengasse. Womit wir wieder beim Paradies wären. Denn welchen Namen trägt die berühmteste Lage des malerischen Örtchens? Genau: Paradiesgarten. Sogar eine Eva gibt es dort.