Vom Weingenuss im Schoppentakt
Die Pfälzer mögen fröhliche Menschen sein, doch beim Schoppen hört der Spaß auf. Das Behältnis selbst taugt kaum als Erklärung für diese lang anhaltende Begeisterung: Als schmucklos-einfaches Rohr aus Glas illustriert das Schoppenglas mustergültig den Leitsatz von der Form, die der Funktion folgt. Und beweist, dass äußerliche Schlichtheit meist mit inneren Werten korrespondiert. Denn der Schoppen bietet besonders dauerhaftes Weinvergnügen. Ein halber Liter passt hinein, und genau das macht den Schoppen, zutreffend auch Weinstange genannt, zum Inbegriff für volkstümlichen Wein(fest)genuss – und für manche zum Nabel der Pfälzer Weinwelt. Die Region, wo der Schoppen noch ein echter halber Liter ist, bietet eben doppelten Spaß im Glas. Woanders bekommt man ein Viertel, wenn man einen Schoppen bestellt – und muss folglich zwei Schoppen ordern, um mit der Pfälzer Grund(w)einheit gleichzuziehen. So groß ist die Liebe vieler Pfälzer und Wahlpfälzer zu diesem Gefäß, dass ihm seine Anhänger sogar ein Denkmal gesetzt haben: »Pfälzer Schoppen – Maß aller Dinge« wird unbescheiden in Maikammer verkündet. Und als vor Jahren versucht wurde, die Pfälzer Weinwährung auf 0,4 Liter abzuwerten, gründeten ihre Fans flugs – und mit Erfolg – die »Schoppenkämpferrunde«. Zwar bleiben bei soviel Quantitätsbewusstsein manchmal die Finessen des Pfälzer Weins auf der Strecke, doch darauf kommt es beim Schoppen nicht an. Er birgt vor allem soziale Qualitäten, denn Weingenuss im Schoppentakt ist ein regionales Gesellschaftsspiel. Mancher Tourist trinkt den ersten, ihm angebotenen Schoppen mit Befremden – und berichtet später, in seiner Heimat, geradezu schwärmerisch von dieser Pfälzer Sitte. So gesehen, ist der Schoppen Öl im Getriebe der Pfälzer Weinfest-Seligkeit und damit weit mehr als ein Trinkgefäß. Eine Arabeske der Pfälzer Weingeschichte ist der «Rhodter Pfiff”. Bei einem Wirt in dem südpfälzischen Dorf verkehrten einige Damen aus Landau, die ihren Wein aus einem 0,1 Liter-Glas, dem sogenannten Pfiff, tranken. Weil er sich über das ständige Nachschenken ärgerte, erfand der Wirt Anfang des 19. Jahrhunderts ein Trinkgefäß mit einem Liter Inhalt, eben den «Rhodter Pfiff”. Dies hat ihm immerhin ein Denkmal eingebracht, durchgesetzt hat sich der doppelte Schoppen aber nicht. Was letztlich beweist, dass der Pfälzer Schoppen eben doch das Maß aller Dinge ist - und alles darüber hinaus schlicht Übertreibung.


