Deutsche Weinstraße: 85 km Lebensfreude

Wo die Luft einen Schwips hat

Die Idee muss gut gewesen sein, sonst wäre sie andernorts nicht so oft kopiert worden: Als die Pfälzer 1935 "ihre" Deutsche Weinstraße gründeten, begann die Geschichte eines Phänomens. Die erste und nach wie vor bekannteste weintouristische Route Deutschlands hat in anderen Weinbaugebieten zwar ihre Nachahmer gefunden; dennoch ist sie auf ihre ganz besondere Weise einzigartig geblieben. Sie ist der Inbegriff einer zauberhaften Landschaft und deren edelsten Produktes: des Pfälzer Weins. Sie ist aber auch Ausdruck eines Lebensgefühls, und als ein Werbfachmann nach einem passenden Slogan gefragt wurde, entfuhr ihm ohne langes Nachdenken der Spruch "Hundert Kilometer Lebensfreude". Das mit der Lebensfreude stimmt. Jeder der diese Wienstraße erlebt hat, wird es bestätigen. Das mit den hundert Kilometern stimmt nicht ganz; denn tatsächlich misst die Deutsche Weinstraße 85 Kilometer. Dem Stolz der Pfälzer auf ihren "Saumpfad der Seligkeit", wie die Route mitunter schwelgerisch genannt wird, tut das keinen Abbruch. "Mir kommt es vor, als hätte die Luft in dieser Landschaft immer einen kleinen Schwips", sagte jüngst ein Gast im Überschwang der weinseligen Gefühle. Unrecht hat er damit nicht. Weil die Deutsche Weinstraße Heiterkeit und Sympathie ausstrahlt - man braucht gar keinen Schwips zu haben, um das zu erkennen.
Aber die Deutsche Weinstraße ist mehr. Wenn man von aller Schwärmerei einmal absieht und sie (ganz nüchtern betrachtet, dann ist diese Straße die pulsierende Lebensader der ganzen Region; sie ist - historisch, geografisch, wirtschaftlich und aus vielen anderen Perspektiven gesehen - der "rote Faden", der sich durch das pfälzische Weinbaugebiet zieht: durch Rebhügel, vorbei an Burgen und Schlössern, durch malerische Winzerdörfer und durch betriebsame, lebendige Städte. Gegründet worden ist sie, auch das soll man ganz nüchtern sehen, aus einer Notsituation heraus. Die Deutsche Weinstraße sollte den Weinabsatz neue Impulse geben und die Region für den Fremdenverkehr attraktiver machen. Heute würde man wohl von einer "strukturfördernden Maßnahme" sprechen. Und aus heutiger Sicht ist diese "Maßnahme" zu einem Dauerbrenner geworden, der nicht nur die Struktur fördert, sondern einer großen Zahl von Menschen, die hierher kommen, viel Freude und Lebenslust bereitet.
Ob die Deutsche Weinstraße im Norden beginnt, wo Rheinhessen aufhört, und im Süden endet, wo das Elsaß anfängt - oder umgekehrt, das ist ein akademischer Streit. Deshalb bleibt es jedem überlassen, den Einstieg selbst zu wählen, ohne das es davon Schaden nehmen und etwas versäumen würde. Geradezu salomonisch ist es deshalb, mit dem zu beginnen, was andere Weinstraßen nicht haben - dem "i-Tüpfelschen"der Deutsche Weinstraße. So nennt sich kokett das stille Zellertal, der nordwestliche Zipfel des pfälzischen Weinbaugebiets mit seinen hübschen, in sanfte Weinhänge gebetteten Dörfern. Bockenheim ist das nördliche Tor zur Deutsche Weinstraße. Hier geben die Mundartdichter jedes Jahr Kostproben ihres Könnens. Die Reste der Emichsburg und die Traubenmadonna in der katholischen Kirche gehören zu den bemerkenswerten Zeugen der Geschichte dieses Ortes. Grünstadt hat nicht nur eine reiche Historie, sondern auch eine hübsche Fußgängerzone, die einen kleinen Einkaufsbummel lohnt. Ehemalige Herrschaftshäuser geben Herxheim am Berg sein Gepräge; Dackenheim zeigt den Kunstfreunden ein romanische Gotteshaus mit sehenswerten Steinmetzarbeiten. In Kallstadt kann man durch die Weinlage "Saumagen" spazieren und den dort gewachsenen Wein zum Pfälzer Nationalgericht gleichen Namens genießen. Das romantische Freinsheim mit seinen prächtigen Wehrtürmen und Mauern lädt ein zu einer kleinen Zeitreise ins Mittelalter. Leistadt und Ungstein, wo die Reste eines großen römischen Weinguts freigelegt und restauriert wurden, sind die nördlichen "Vorposten" von Bad Dürkheim, dem Staatsbad mit Kurpark, Spielbank und Wurstmarkt, Riesenfass, Kloster Limburg und einer liebenswerten Mischung aus Geschäftigkeit, Eleganz und Gemütlichkeit.
Das 650 Jahre alte Wein- und Sektstädtchen Wachenheim wird von seinem Wahrzeichen, der Wachtenburg, überragt. Der Bummel durch die berühmte Rieslinggemeinde Forst mit ihren eindrucksvollen Winzerhöfen ist ein schöner Vorgeschmack auf das nicht minder berühmte Deidesheim. Sein Reichtum an Sehens- und Erlebenswertem beginnt beim historischen Rathaus mit dem Museum für Weinkultur und sollte mit dem romantischen Stadtmauerrundgang noch lange nicht enden. Königsbach, Mußbach, Gimmeldingen, Haardt, Hambach und Diedesfeld sind jedes für sich ein Kleinod und zählen heute zu einer der größten Weinbaugemeinden Deutschlands: Neustadt. Der Charme der großen Kleinstadt und die Urbanität der kleinen Großstadt machen den Reiz der "Perle der Pfalz" aus. Das Hambacher Schloß, als "Wiege der deutschen Demokratie" seit dem Hambacher Fest im Jahre 1832 hinreichend bekannt, gehört zu den eindrucksvollsten historischen Bauwerken am Haardtrand.
Wer den geografischen Mittelpunkt der Deutschen Weinstraße hinter sich gelassen hat, kommt nach  Maikammer, dem gastlichen Fremdenverkehrsort, und nach St. Martin, einem wirklichen Schmuckstück unter den vielen hübschen pfälzischen Weinbaugemeinden, gekrönt von der Ruine der Kropsburg. Die Villa Ludwigshöhe ist Edenkobens bestes Stück - einst Sommersitz des Bayernkönigs Ludwigs I. und heute ein Museum mit vielen sehenswerten Bildern des berühmten pfälzischen Impressionisten Max Slevogt. Wer noch höher hinaus will, kann mit der Sesselbahn zur Rietburg hinauffahren, einem der "Balkone der Pfalz" mit einem herrlichen Blick über die Rheinebene bis hinüber zum Odenwald und zum Schwarzwald. Man versteht Ludwig I., der bei diesem Ausblick von der "schönsten Quadratmeile" seines schwärmte.
Edesheim, Rhodt, Hainfeld, Burrweiler, Gleisweiler mit seinem subtropischen Garten, Frankweiler und Birkweiler heißen die nächsten Stationen. Die hübschen Weinbaugemeinden liegen eingebettet zwischen Rebhügeln, wo Rheinebene und Pfälzerwald einander auf landschaftlich einmalige Art begegnen. Städtisches Leben herrscht dagegen wenige Kilometer weiter in Landau. Die alte Festungs- und Gartenstadt ist heute ist heute das kulturelle und wirtschaftliche Zentrum des Landkreises Südliche Weinstraße. Zurück am Haardtrand, geht es auf der Deutschen Weinstraße weiter über Ranschbach, Leinsweiler, Eschbach, Klingenmünster, Gleiszellen-Gleishorbach und Pleisweiler-Oberhofen nach Bad Bergzabern. Das pittoreske Staatsbad ist mit dem Thermalbad und dem weitläufigen Kurpark ein Ort von Ruhe und Erholung. Dörrenbach rühmt sich , das schönste Fachwerkhaus der Pfalz zu haben. Durch Oberotterbach führt die Deutsche Weinstraße dann nach Schweigen und endet nach der Fahrt durchs Deutsche Weintor und einem Spaziergang über den Ersten Deutschen Weinlehrpfad an der Grenze zum Elsaß, wo schon das romantische Städtchen Weißenburg herübergrüßt.
Ob die Deutsche Weinstraße hier im Süden anfängt oder aufhört ist letztlich auch deshalb keine Streitfrage, weil viele Besucher kehrtmachen und die Strecke hinauf nach Bockenheim noch einmal zurücklegen, weil es ihnen so gut gefallen hat. Die meisten tun dies mit dem Auto - stets geleitet vom Weinstraßen-Symbol auf den Verkehrsschildern, der schwarzen Traube auf gelbem Grund. Auch Radwanderern bietet die Region links und rechts der Deutschen Weinstraße eine Vielzahl attraktiver Möglichkeiten. Andere lassen sich mehr Zeit und erschließen sich die Schönheit der Landschaft und den Reiz der Städte und Dörfer zu Fuß. Der knapp hundert Kilometer lange Wanderweg Deutsche Weinstraße gibt die schönste Möglichkeit dazu. Sein Symbol ist die grüne Traube auf weißem Grund.
Gleichwohl, ob mit dem Auto, auf dem Fahrrad oder per pedes: man soll die Deutsche Weinstraße genießen. Das Staunen über ihre Sehenswürdigkeiten ist nur eine Seite. Es empfiehlt sich, irgendwo an dieser Straße Station zu machen. Dort sollte man das genieße, was neben der malerischen Landschaft den Reiz der Region ausmacht; den erlesenen Pfälzer Wein, die regionalen Spezialitäten und jenes Flair, das mit Lebensfreude nur unzureichend beschrieben ist.